Eine Brücke stürzt ein. Ein Patient stirbt nach einem Routineeingriff. Ein etabliertes Unternehmen geht insolvent, und Hunderte Menschen verlieren ihre Arbeit. Auf einer vereisten Kreuzung ereignet sich ein tödlicher Verkehrsunfall.
In jeder dieser Situationen ertönt im öffentlichen Raum, in den sozialen Netzwerken und am Familientisch augenblicklich dieselbe, beinahe reflexhafte Frage: „Wer ist schuld?“
Diese Frage kommt nicht von ungefähr. Sie ist schnell, prägnant, emotional aufgeladen und verschafft sofortige Erleichterung. Doch beachten Sie, wie dramatisch sie einer anderen Frage vorgreift – einer wesentlich wichtigeren und zugleich ungleich mühsameren: „Welche Faktoren mussten über Zeit und Raum hinweg zusammenwirken, damit so etwas überhaupt geschehen konnte?“
1. Wir brauchen einen Namen
Wenn ein Unglück oder eine Krise eintritt, öffnet sich in der menschlichen Psyche ein tiefer Abgrund der Ungewissheit. Die Welt, die wir eben noch für sicher, vorhersehbar und gerecht hielten, zeigt plötzlich ihr chaotisches Gesicht. Und das menschliche Gehirn hat nahezu keine Toleranz für Chaos.
Wir brauchen jemanden, auf den wir mit dem Finger zeigen können. Wir brauchen ein konkretes Gesicht, einen Namen, eine Funktion, ein berufliches Versagen oder einen moralischen Makel. Sobald wir einen Schuldigen haben, kehrt die Welt scheinbar in ihre Ordnung zurück: Das Problem liegt dann nicht in der Komplexität von Brückenkonstruktionen und dreißig Jahren bürokratischer Trägheit. Das Problem ist „dieser faule Inspektor“. Sobald wir ihn entlassen, haben wir das Gefühl, die Welt repariert zu haben.
- Fundamentaler Attributionsfehler (Fundamental Attribution Error): Das Versagen anderer erklären wir mit ihrem Charakter; unser eigenes entschuldigen wir mit äußeren Umständen.
- Rückschaufehler (Hindsight Bias): Nach einem Ereignis erscheint uns der Ausgang vollkommen vorhersehbar („Es war doch offensichtlich!“).
- Gerechte-Welt-Hypothese (Just-World Hypothesis): Die unbewusste Überzeugung, dass guten Menschen Gutes und schlechten Menschen Schlechtes widerfährt.
- Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Sobald wir einen Schuldigen bestimmt haben, suchen wir nur noch nach Bruchstücken, die unsere Theorie bestätigen.
2. Ein Schuldiger ist nicht dasselbe wie eine Ursache
Hier liegt der entscheidende Unterschied, den eine moderne Gesellschaft verstehen muss: der Unterschied zwischen moralischer beziehungsweise rechtlicher Verantwortung und einer kausalen Analyse der Wirklichkeit.
„Wenn wir einen Menschen zur alleinigen Ursache eines Systemversagens erklären, bestrafen wir nicht nur ihn. Wir verurteilen das System dazu, dieselbe Tragödie zu wiederholen.“
— James Reason, Human Error & System Safety3. Der entscheidende Schluss
Das größte Problem besteht nicht darin, dass wir nach Verantwortung suchen. Das eigentliche Problem beginnt dort, wo wir die Benennung eines Verantwortlichen für das Ende der Ursachensuche halten.
— Jiný KontextQuellen zur Vertiefung
- Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux.
- Reason, J. (1990). Human Error. Cambridge University Press.
- Kruglanski, A. W. (2004). The Psychology of Closed Mindedness. Psychology Press.
- Dekker, S. (2014). The Field Guide to Understanding "Human Error". Ashgate Publishing.
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