AKTE #11

Wann wird aus einer Erklärung eine Ausrede?

Er wuchs mit Gewalt auf. Er stand unter Druck. Er hatte Angst. Er gehorchte einer Autorität. Er wusste nicht, was er auslösen würde. Jeder dieser Sätze kann etwas erklären. Keiner sagt für sich allein, wie viel Verantwortung dem Menschen bleibt.

Anonymní postava v uhlové koláži, za níž se sbíhají vrstvy minulosti a před ní pokračuje korálová linie volby
Redaktionelle Illustration · Jiný KontextPříčiny lidského jednání mohou být mnohovrstevnaté. Otázku kontroly, vědění a úmyslu ale nenahrazují.
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Ein Mensch greift einen anderen an. Die Nachricht ist kurz, das moralische Urteil schnell gefällt. Dann kommen weitere Informationen hinzu: Er wuchs in einem Umfeld auf, in dem Gewalt normal war. Vor dem Angriff hatte ihm jemand gedroht. Er war von einer Gruppe umgeben, die den Konflikt eskalierte. Seit Wochen hatte er kaum geschlafen. Und plötzlich fällt ein Satz, der den Raum zuverlässig spaltet.

„Das entschuldigt ihn doch nicht.“

Vielleicht nicht. Doch diesen Satz sagen wir oft schon in einem Augenblick, in dem niemand eine Entschuldigung angeboten hat. Jemand hat lediglich erklärt, warum etwas geschehen ist.

Genau hier entsteht einer der interessantesten Konflikte zwischen Psychologie und Moral: Je besser wir die Ursachen menschlichen Verhaltens verstehen, desto stärker haben wir mitunter das Gefühl, einem Menschen dadurch „Verantwortung abzunehmen“.

Eine Erklärung beantwortet die Frage „warum“. Eine Entschuldigung beantwortet die Frage „in welchem Maß sollen wir es ihm zurechnen“. Das sind zwei verschiedene Operationen.

Die Philosophie moralischer Verantwortung unterscheidet seit Langem zwischen bloßer kausaler Verantwortung – ein Mensch war Ursache des Ergebnisses – und Verantwortung im moralischen Sinn. Letztere ist typischerweise mit Fragen nach Kontrolle, Absicht, der Fähigkeit, das eigene Handeln zu verstehen, und der Kenntnis relevanter Umstände verbunden.1 Auch die psychologische Forschung zum moralischen Urteil zeigt, dass Menschen bei der Bewertung von Schuld Informationen über kausale Rolle, Absicht, Umstände und Ergebnis miteinander verbinden.2

Vier Sätze, die ähnlich klingen – aber nicht dasselbe bedeuten

Nehmen wir eine Modellsituation: Ein Mann schlägt einen anderen Menschen.

Über das Ereignis lassen sich mehrere Sätze sagen.

Erklärung„Er schlug ihn, weil er Angst hatte.“ Das beschreibt einen Mechanismus oder ein Motiv. Für sich genommen bestimmt es nicht das Maß der Verantwortung.
Mildernder Umstand„Seine Fähigkeit, die Situation ruhig einzuschätzen, war eingeschränkt.“ Die Verantwortung bleibt bestehen, ihr moralisches Gewicht kann sich verändern.
Entschuldigung / excuse„Unter diesen Umständen fehlte ihm die relevante Kontrolle oder Kenntnis.“ Die Handlung kann weiterhin falsch sein, doch die Schuld des Handelnden wird geringer oder entfällt.
Rechtfertigung„Unter diesen Umständen war die Handlung zulässig.“ Wir verändern nicht nur die Bewertung der Person, sondern die Bewertung der Handlung selbst.

Diese Kategorien sind kein universelles Wörterbuch des Strafrechts. Es handelt sich um analytische und philosophische Unterscheidungen, die helfen, das Problem zu verstehen. In der Verantwortungstheorie besteht ein entscheidender Unterschied zwischen der Aussage „Was er getan hat, war falsch, lässt sich ihm aber nicht vollständig zurechnen“ und der Aussage „Unter diesen Umständen war es nicht falsch“.3

In Alltagsdebatten verschwimmen diese Ebenen häufig. Sobald jemand eine traumatische Vergangenheit, Manipulation, Zwang oder begrenzte Informationen erwähnt, hört die andere Seite: „Also ist er unschuldig.“

Doch zwischen „vollständig schuldig“ und „trägt keinerlei Verantwortung“ liegt ein riesiger Raum.

Eine Ursache ist keine Verteidigung

Jedes menschliche Handeln hat Ursachen.

Das ist beinahe ein banaler Satz. Kein Mensch steht morgens als Wesen auf, das von seiner Biologie, Vergangenheit, Umwelt, seinen sozialen Bindungen und der unmittelbaren Situation abgekoppelt wäre. Psychologie untersucht schließlich gerade die Beziehungen zwischen Verhalten, Gehirn und Umwelt.

Doch sobald wir bei einer schlechten Handlung eine Ursache beschreiben, sträubt sich etwas in uns.

Sagen wir, jemand habe wegen Schulden Geld gestohlen, klingt das wie eine Ausrede.

Sagen wir, jemand sei dem Druck einer Gruppe erlegen, klingt das nach Befreiung von persönlicher Verantwortung.

Sagen wir, Aggression sei von einer langfristig erlernten sozialen Strategie beeinflusst worden, kann jemand hören: „Er konnte nichts dafür.“

Logisch folgt das jedoch nicht.

Eine kausale Erklärung kann vollkommen wahr sein und die moralische Verantwortung zugleich praktisch unverändert lassen.

Der Wunsch nach Geld erklärt beispielsweise einen Raub. Er entschuldigt ihn nicht automatisch. Eifersucht kann einen Angriff erklären. Sie ist keine Entschuldigung. Wut kann eine Beleidigung erklären. Sie sagt noch nichts Endgültiges darüber aus, ob der Mensch sich beherrschen konnte.

Eine Erklärung berührt die Verantwortung erst dann, wenn sie Informationen liefert, die dafür relevant sind, was der Mensch wusste, was er beabsichtigte, welche Kontrolle er besaß und welche realen Handlungsmöglichkeiten ihm offenstanden.

Kausaler Baum menschlichen Handelns und die gesonderte Frage nach Verantwortung Eine Handlung kann viele Ursachen haben Doch nicht jede Ursache ist zugleich ein Grund, Verantwortung zu mindern. VERGANGENHEITLernen · Erfahrung SITUATIONZeit · Stress · Umfeld SOZIALER DRUCKGruppe · Autorität MOTIVZiel · Emotion · Gewinn HANDLUNG was der Mensch tatsächlich getan hat EINE ANDERE FRAGE Wissen? Absicht? Kontrolle?
Die kausale Geschichte erklärt, wie die Handlung entstand. Die Bewertung der Verantwortung fügt weitere Fragen hinzu. Das Diagramm ist ein redaktionelles Modell, kein juristischer Test.

Die Grenze heißt häufig Kontrolle

Stellen wir uns zwei Situationen vor.

In der ersten unterschreibt jemand einen betrügerischen Vertrag, weil er dafür Geld erhält.

In der zweiten unterschreibt er denselben Vertrag, weil ihm glaubhaft mit unmittelbarer Gewalt gegen sein Kind gedroht wird.

Die physische Handbewegung ist dieselbe. Die Unterschrift ist dieselbe. Die Folge kann dieselbe sein.

Doch unsere moralische Intuition verändert sich dramatisch.

Warum? Weil der Umstand nicht mehr bloß Ursache ist. Er berührt die Frage, in welchem Maß die Handlung wirklich „bei ihm lag“.

Philosophische Schuldtheorien betrachten gewöhnlich ein gewisses Maß an Kontrolle, die Fähigkeit zu praktischem Überlegen und zum moralischen Verständnis der Situation als relevant für Zurechenbarkeit. Zwang, Unwissenheit oder bestimmte Formen der Manipulation können Verantwortung gerade deshalb mindern, weil sie diese Bedingungen beeinträchtigen.3

Experimentelle Forschung zeigt zudem, dass Zwang nicht nur verändert, wie andere den Handelnden beurteilen. In Laborstudien verringerte sozialer Zwang auch das subjektive Erleben der Urheberschaft des eigenen Handelns – den sogenannten sense of agency.4

Vorsicht bei der Interpretation: Ein geringeres subjektives Kontrollgefühl bedeutet nicht automatisch geringere moralische oder rechtliche Verantwortung. Das Experiment zeigt einen psychologischen Einfluss von Zwang auf das Erleben des eigenen Handelns; die normative Schlussfolgerung ist eine gesonderte Frage.

Was wusste der Mensch?

Die zweite große Säule ist das Wissen.

Drückt ein Mensch einen Knopf und weiß, dass er damit jemandem schadet, beurteilen wir ihn anders als jemanden, dem mit gutem Grund gesagt wurde, der Knopf schalte lediglich ein Licht ein.

In der Literatur zur moralischen Verantwortung heißt dieser Bereich epistemische Bedingung: In welchem Maß wusste der Mensch – oder hätte wissen müssen –, was er tat und welche Folgen relevant waren?5

Auch hier gibt es keinen einfachen Schalter.

Er wusste es nicht – weil die Information nicht zu ermitteln war?

Er wusste es nicht – weil er sich entschied, nicht nachzuforschen?

Er wusste es nicht – weil er ein offenkundiges Risiko ignorierte?

Er wusste es nicht – weil ihn jemand aktiv täuschte?

In allen vier Sätzen ist Unwissenheit vorhanden. Ihre moralische Bedeutung kann völlig verschieden sein.

„Ich wusste es nicht“ beschreibt einen Zustand. Erst die Frage „Warum wussten Sie es nicht?“ kann etwas über Verantwortung aussagen.

Absicht ist nicht alles. Aber sie verändert fast alles.

Zwei Fahrer machen denselben Fehler und erfassen beide einen Fußgänger.

Der erste wollte den Fußgänger treffen.

Der zweite hatte ihn nicht gesehen.

Für das Opfer ist das Ergebnis dasselbe. Die moralische Beurteilung der Handelnden ist es nicht.

Psychologische Forschung zum moralischen Urteil zeigt wiederholt, dass Absicht, kausale Rolle und Ergebnis auf unterschiedlichen Wegen in die Bewertung eingehen. Ein Überblick über moralisches Entscheiden im Annual Review of Psychology betont, dass das Urteil über die Falschheit einer Handlung und das Urteil über die Schuld einer Person nicht ein und dasselbe sind.2

Das ist auch für unsere Frage entscheidend.

Eine Information über die Kindheit eines Menschen kann erklären, warum er aggressiv reagiert. Wenn er den Schaden in der konkreten Situation jedoch bewusst plante, ausreichende Kontrolle besaß und die Folgen verstand, muss diese Information seine Verantwortung nicht wesentlich verändern.

Umgekehrt kann eine Information moralisch entscheidend sein, wenn sie unseren Schluss über Absicht, Kontrolle oder Wissen unmittelbar verändert.

Drei Fragen, die Erklärung und Verantwortung voneinander trennen Nicht jede neue Information hat dasselbe Gewicht Am unmittelbarsten verändern jene Umstände die Bewertung, die Absicht, Kontrolle oder Wissen betreffen. WISSEN Was wusste er? Was konnte er wissen? Ignorierte er ein Risiko? EPISTEMISCHE BEDINGUNG ABSICHT Was wollte er bewirken? Was sah er voraus? Welches Motiv hatte er? MENTALER ZUSTAND KONTROLLE Konnte er anders handeln? Stand er unter Zwang? Wie eingeschränkt war die Wahl? HANDLUNGSKONTROLLE
Es handelt sich um ein didaktisches Schema, nicht um eine vollständige Theorie moralischer Verantwortung. Die Philosophie kennt keinen einzigen universellen Test; Wissen und eine bestimmte Form von Kontrolle stehen in der Debatte jedoch im Zentrum.

Warum uns das Ergebnis manchmal täuscht

Nun ein kleines Experiment.

Zwei Menschen begehen denselben gefährlichen Fehler.

Der erste wirft eine Zigarettenkippe ins trockene Gras. Zufällig beginnt es zu regnen, und nichts geschieht.

Der zweite tut dasselbe. Der Wind trägt einen Funken in den Wald, und ein Brand entsteht.

Beide handelten gleich unvernünftig. Einer hatte Glück.

Trotzdem neigen wir dazu, den zweiten härter zu beurteilen. In Philosophie und Psychologie heißt dieses Problem moral luck – moralisches Glück. Forschung zeigt, dass Folgen das Schuldurteil selbst dann beeinflussen können, wenn ein Teil des Unterschieds durch Zufall entstand.6

Das ist eine wichtige Erinnerung, denn manchmal erklären wir eine Erklärung schon deshalb zur Ausrede, weil uns das Ergebnis empört.

Ist der Schaden gering, hören wir den Kontext.

Ist der Schaden katastrophal, kann derselbe Kontext wie eine Beleidigung des Opfers wirken.

Emotional ist das verständlich. Analytisch bleibt jedoch dieselbe Frage: Welchen Teil des Ergebnisses hatte der Mensch tatsächlich unter Kontrolle?

„Aber andere Menschen mit einer ähnlichen Kindheit haben es nicht getan.“

Das ist ein starker Einwand – und häufig ein berechtigter.

Ein statistischer oder psychologischer Zusammenhang ist kein Schicksal.

Wenn eine bestimmte Lebenserfahrung die Wahrscheinlichkeit eines Verhaltens erhöht, bedeutet das nicht, dass jeder Mensch mit dieser Erfahrung gleich handeln wird. Menschliches Handeln entsteht aus einer Kombination von Anlagen, Situation, Lernen, sozialen Beziehungen, Gelegenheiten und Entscheidungen.

Gerade deshalb wäre es falsch zu sagen:

„Er ist so aufgewachsen, deshalb konnte er nicht anders handeln.“

Ebenso falsch kann die entgegengesetzte Abkürzung sein:

„Jemand anders hat dieselbe Erfahrung bewältigt, also ist seine Vergangenheit für die Erklärung bedeutungslos.“

Ein einzelnes Gegenbeispiel widerlegt keinen kausalen Einfluss. Es erinnert lediglich daran, dass kausaler Einfluss kein deterministisches Urteil ist.

Ein hilfreicher Filter: Fragen Sie statt „Ist das eine Ausrede?“ lieber: „Verändert diese Information etwas an Absicht, Wissen, Kontrolle oder den real verfügbaren Möglichkeiten?“ Falls nicht, kann sie psychologisch interessant und moralisch nahezu irrelevant sein.

Warum wir lieber Charakter als Situation sehen

Die Psychologie kennt eine bekannte Tendenz namens fundamental attribution error – fundamentaler Attributionsfehler: Bei der Erklärung des Verhaltens anderer Menschen überschätzen wir häufig deren stabile persönliche Eigenschaften und unterschätzen situative Einflüsse.7

Jemand verhält sich aggressiv → er ist ein aggressiver Mensch.

Jemand scheitert → er ist unfähig.

Jemand lügt → er ist ein Lügner.

Diese Schlüsse können mitunter richtig sein. Sie entstehen nur schneller als eine Analyse der Umstände.

Kontext ist psychologisch unbequem, weil er die klare Charaktergeschichte verkompliziert. Sobald wir Situation, Druck, Informationsmangel oder Zufall zulassen, ist die moralische Landkarte nicht mehr schwarz-weiß.

Genau hier entsteht die Sorge, Erklärungen würden „alles relativieren“.

Verschwindet Schuld, wenn wir alles erklären?

Nein.

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt des gesamten Artikels.

Eine vollständige kausale Erklärung einer Handlung ist nicht dasselbe wie eine vollständige moralische Entschuldigung.

Im Prinzip können wir nahezu alles über einen Menschen wissen: seine Kindheit, Biologie, soziale Umwelt, Ängste, Beziehungen, Motive und den Druck im betreffenden Augenblick. Und dennoch können wir zu dem Schluss gelangen, dass er die relevante Fähigkeit besaß, die Situation zu verstehen und sein eigenes Handeln zu steuern.

Verständnis kann zugleich Mitgefühl erhöhen und Verantwortung bestehen lassen.

Genau diese Möglichkeit entwickelt auch die Literatur zu „responsibility without blame“: Sie unterscheidet die praktische Verantwortlichmachung eines Menschen von bestimmten verurteilenden, feindseligen Haltungen ihm gegenüber.8

Wir müssen uns daher nicht nur zwischen zwei Sätzen entscheiden:

„Er ist ein Monster.“

oder

„Er kann nichts dafür.“

Es kann einen dritten geben:

„Ich verstehe, wie er an diesen Punkt gelangt ist. Und zugleich trägt er Verantwortung für sein Handeln.“

Die falsche Wahl zwischen der Verurteilung des Menschen und der Befreiung von Verantwortung Zwei Extreme – und der Raum dazwischen Das Verstehen von Ursachen und Verantwortung schließen einander nicht aus. EXTREM A „Er ist einfach böse.“ • Kontext bedeutet nichts • Charakter erklärt alles • Ursache = persönliche Eigenschaft MITTE „Ich verstehe die Ursachen. Ich beurteile die Verantwortung.“ • Warum und in welchem Maß trennen • Kontrolle und Wissen untersuchen • Mitgefühl ≠ Straffreiheit EXTREM B „Er hatte eine Ursache, also kann er nichts dafür.“ • Erklärung = Entschuldigung • Ursache hebt Wahl auf • Verantwortung verschwindet automatisch
Das redaktionelle Schema zeigt eine falsche Dichotomie. Das Verständnis des Verhaltensmechanismus kann mit Verantwortung und der Forderung nach Wiedergutmachung vereinbar sein.

Wann wird eine Erklärung also wirklich zur Ausrede?

Nicht in dem Augenblick, in dem wir eine Ursache beschreiben.

Sie wird es, wenn wir aus der Ursache ohne hinreichenden Grund auf geringere Verantwortung schließen.

Zum Beispiel:

„Er war aufgebracht, also kann er nichts für den Angriff.“

Der erste Teil kann wahr sein. Der zweite folgt daraus nicht.

Oder:

„Er wuchs mit Gewalt auf, also hatte er keine andere Möglichkeit.“

Die Vergangenheit kann eine relevante Ursache sein. Die Behauptung, es habe keinerlei Wahlmöglichkeit gegeben, verlangt ein sehr viel stärkeres Argument.

Die Ausrede ist daher häufig nicht der Umstand selbst. Sie ist der unzulässige Sprung zwischen zwei Ebenen:

„Das trug zu seinem Handeln bei“ → „deshalb sollen wir ihm die Handlung nicht zurechnen.“

Und der genau entgegengesetzte Fehler funktioniert ebenfalls:

„Er trägt weiterhin Verantwortung“ → „deshalb müssen wir seine Vergangenheit, den Druck und die Umstände nicht untersuchen.“

Beide Abkürzungen zerstören Verständnis.

Warum wir Erklärungen brauchen, selbst wenn sie niemanden entschuldigen

Es gibt noch einen praktischen Grund, warum es gefährlich ist, Ursachen als „Ausreden“ zurückzuweisen.

Wenn wir verhindern wollen, dass sich ein Problem wiederholt, genügt ein moralisches Urteil nicht.

Sagen wir lediglich, der Täter sei ein schlechter Mensch gewesen, haben wir eine Kategorie. Einen Mechanismus haben wir nicht.

Wollen wir Gewalt, Fehler in Organisationen, Betrug, Verkehrsunfälle oder Rückfälle verringern, müssen wir wissen, welche Bedingungen zu einem Verhalten beitragen – auch wenn wir den Einzelnen für seine Entscheidung weiterhin verantwortlich halten.

Denn eine Erklärung ist nicht nur ein Werkzeug des Mitgefühls.

Sie ist ein Werkzeug der Prävention.

Ein moralisches Urteil kann uns sagen, wen wir verurteilen. Eine kausale Erklärung kann uns sagen, was wir ändern müssen, damit es nicht erneut geschieht.

Verstehen ist nicht dasselbe wie Verzeihen

Vielleicht fürchten wir Erklärungen, weil wir darin Vergebung hören.

Sobald wir Angst, Vergangenheit, sozialen Druck, Unwissenheit oder eingeschränkte Kontrolle analysieren, scheint es, als entfernten wir den Menschen langsam von seiner Tat.

Doch eine genauere Sicht kann das Gegenteil bewirken.

Sie kann trennen, wofür er tatsächlich verantwortlich ist, von dem, was nur an Verantwortung erinnert.

Sie kann verhindern, dass wir einen Menschen für Zufall bestrafen, den er nicht kontrollierte.

Und zugleich verhindern, dass wir aus jeder Ursache ein Alibi herstellen.

Die beste Frage lautet daher vielleicht nicht:

„Ist das eine Erklärung oder eine Ausrede?“

Sondern:

„Was genau verändert diese Information an dem, was der Mensch wusste, wollte und kontrollieren konnte?“

Denn zu verstehen, warum jemand etwas Falsches getan hat, bedeutet nicht zu sagen, dass er es tun durfte.

Und seine Verantwortung anzuerkennen bedeutet nicht, dass wir aufhören müssen zu verstehen, wie er an diesen Punkt gelangte.

Quellen und Literatur

Quellen zur Vertiefung

  1. Stanford Encyclopedia of Philosophy. Moral Responsibility. Der Überblick unterscheidet unter anderem kausale von moralischer Verantwortung und fasst die wichtigsten Konzepte von Kontrolle, Zurechenbarkeit und Verantwortung zusammen. Stanford Encyclopedia of Philosophy.
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