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Wenn das Gericht endet, die Strafe aber weitergeht

Justiz × Menschen

Když soud skončí, ale trest pokračuje
Redaktionelle Illustration · Jiný KontextJustice × Lidé
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Inhalt des Artikels
Modellsituation Die einleitende Szene verbindet typische Elemente des Problems; sie beschreibt weder eine konkrete Person noch ein tatsächliches Bewerbungsgespräch.
Der erste Eindruck

Es ist Montag, 8:17 Uhr. Auf dem Tisch der Personalleiterin liegt ein Auszug aus dem Strafregister ohne einen einzigen Eintrag. Auf dem Monitor vor ihr leuchtet eine neun Jahre alte Schlagzeile, in der der Name des Bewerbers neben dem Wort „angeklagt“ steht.

Zwei Minuten später findet das Gespräch nicht mehr statt. Niemand sagt dem Bewerber, warum. Rechtlich kann er unbescholten, freigesprochen oder nach verbüßter Strafe rehabilitiert sein. Praktisch ist er jedoch einem anderen System begegnet: dem ersten Suchergebnis, einem schnellen Urteil und einer Entscheidung, gegen die es keine Berufungsfrist gibt.

Die intuitive Antwort klingt einfach. Das Internet hat doch nur eine wahre Nachricht bewahrt. Was einmal geschah, lässt sich nicht ungeschehen machen. Außerdem darf ein Arbeitgeber sein Unternehmen schützen, und die Öffentlichkeit darf wissen, mit wem sie es zu tun hat. Einen alten Artikel zu entfernen hieße, die Geschichte umzuschreiben.

Doch bereits in diesem Satz vermischen sich mindestens vier verschiedene Dinge: historische Tatsache, rechtliche Schuld, gegenwärtige Relevanz und die Leichtigkeit, mit der ein Mensch anhand seiner Vergangenheit identifiziert werden kann. Ein Internetarchiv kann sie in einer einzigen Zeile speichern. Das Recht muss sie dagegen voneinander trennen.

Wie der Artikel das Wort „Rehabilitierung“ verwendet

Im weiteren publizistischen Sinn: als rechtliche Wiederherstellung der Stellung eines Menschen nach Freispruch, Aufhebung eines fehlerhaften Urteils, Ende der Strafe oder Tilgung der Verurteilung. Gemeint ist hier nicht die Bezeichnung eines einzigen konkreten Rechtsinstituts, sondern ein Oberbegriff für mehrere unterschiedliche rechtliche Abschlüsse.

Der erste Zweifel„Der Fall ist beendet“ kann vier verschiedene Dinge bedeuten

Ein freigesprochener Mensch ist nicht dasselbe wie jemand, der eine verhängte Strafe verbüßt hat. Dieser befindet sich wiederum nicht in derselben Lage wie ein Verurteilter, dessen Verurteilung später getilgt wurde. Und keine dieser Gruppen ist identisch mit einem Menschen, dessen rechtskräftiges Urteil wegen Fehlerhaftigkeit aufgehoben wurde.

Ein Freispruch funktioniert nicht als universelles historisches Zertifikat dafür, dass kein beschriebenes Ereignis jemals stattgefunden habe. Er kann auf verschiedenen rechtlichen Gründen beruhen. Er ist jedoch der verbindliche Abschluss des Strafverfahrens: Weder die öffentliche Gewalt noch die Medien dürfen den Menschen weiter so behandeln, als wäre seine Schuld rechtskräftig bewiesen. Im Jahr 2023 bestätigte der tschechische Oberste Gerichtshof eine Entschädigung von 700.000 CZK für eine Krankenschwester, die ein Verlag in Hunderten Artikeln mit expressiven Spitznamen bezeichnet hatte, welche noch vor einer gesetzlichen Schuldentscheidung den Eindruck einer Täterin erweckten. Das Problem war nicht die bloße Existenz eines öffentlich beobachteten Strafverfahrens. Das Problem war, dass die Schlagzeile dem Urteil zuvorkam.[1]

Nach Verbüßung einer Strafe bleibt die Schuld rechtlich bestehen, die formelle Sanktion ist jedoch beendet. Die Tilgung geht weiter: Das tschechische Strafgesetzbuch bestimmt, dass ein Täter nach der Tilgung als nicht verurteilt gilt. Zugleich schreibt die Strafprozessordnung vor, dass eine getilgte Verurteilung im Auszug aus dem Strafregister nicht ausgewiesen werden darf.[2] Es handelt sich um eine Rechtsfiktion mit tatsächlichen Wirkungen – nicht um das physische Löschen jeder Archivnotiz, Gerichtsakte oder menschlichen Erinnerung.

Vier rechtliche Enden, vier unterschiedliche Bedeutungen Vergleich von Freispruch, verbüßter Strafe, Tilgung der Verurteilung und aufgehobenem Urteil. VEREINFACHTES RECHTSMODELL Vier Enden sind nicht ein und dasselbe Ende Das rechtliche Ergebnis bestimmt, was behauptet werden darf – nicht, ob die Internetspur verschwindet. FREISPRUCH Schuld wurde nicht rechtskräftig festgestellt • Der Mensch darf nicht als verurteilter Täter dargestellt werden. • Die Gründe für einen Freispruch unterscheiden sich. • Eine ältere Meldung braucht ein sichtbar nachgetragenes Verfahrensergebnis. STRAFE VERBÜSST Schuld bleibt bestehen, Sanktion ist beendet • Das Urteil bleibt Teil der rechtlichen und historischen Wirklichkeit. • Die Frage ist die weitere Relevanz, nicht die Existenz der Vergangenheit. • Die informelle Strafe kann weiterlaufen. TILGUNG Rechtsfiktion, nicht verurteilt zu sein • Im Registerauszug wird die getilgte Verurteilung nicht ausgewiesen. • Die rechtliche Wirkung ist real. • Das historische Ereignis wird dadurch nicht automatisch gelöscht. URTEIL AUFGEHOBEN Das ursprüngliche Urteil hat keinen Bestand mehr • Es kann ein neues Verfahren, eine Einstellung oder ein Freispruch folgen. • Alte Schlagzeilen können weiterhin einen nicht mehr gültigen Zustand beschreiben. • Eine Aktualisierung ist entscheidend. Die Grafik vereinfacht die rechtlichen Situationen; die konkreten Wirkungen hängen stets von der Art der Entscheidung und den Umständen des Falls ab.
Grafik 01 Vier rechtliche Enden, die in der öffentlichen Debatte häufig zu dem einzigen unbestimmten Satz „Irgendwie ist es beendet worden“ verschmelzen. Vereinfachtes Rechtsmodell.

Das Recht kann also den Status eines Menschen verändern. Es kann aber nicht das Verhalten jedes Einzelnen umschreiben, der seinen Namen in eine Suchmaschine eingibt. Genau dort beginnt der Unterschied zwischen rechtlicher und gesellschaftlicher Rehabilitierung.

Rechtliche Rehabilitierung ist dabei weder eine Belohnung für das Vergessen noch die Behauptung, die Vergangenheit habe ihre Bedeutung verloren. Sie ist eine Entscheidung darüber, welche Folgen der Staat noch mit einer vergangenen Tat verknüpfen darf. Bei der Tilgung schafft das Gesetz bewusst die Fiktion, als nicht verurteilt zu gelten, damit ein Mensch nach Erfüllung der Voraussetzungen nicht durch jede formelle Anfrage nach seiner Unbescholtenheit blockiert wird. Beim Freispruch ist die Logik noch grundlegender: Wenn der Staat die Schuld nicht beweist, darf er den Verdacht nicht dieselbe Arbeit verrichten lassen wie ein Urteil.

Gesellschaftliche Rehabilitierung garantiert nichts Vergleichbares. Sie hat weder ein amtliches Datum noch ein Formular oder einen Zeitpunkt der Rechtskraft. Manche erlangen sie dank der Unterstützung ihres Umfelds schnell, andere nie. Bei einem Menschen mit seltenem Namen kann ein einziger alter Artikel als lebenslanger Identifikator wirken; bei einem Menschen mit häufigem Namen geht dieselbe Meldung in den Suchergebnissen unter. Dasselbe rechtliche Ergebnis kann so je nach technischen und sozialen Umständen zu radikal unterschiedlichen Zukünften führen – Umständen, die das Gericht bei der Strafzumessung überhaupt nicht geprüft hat.

MechanismusDas Internet erinnert nicht nur. Es ordnet.

Der Satz „Das Internet vergisst nicht“ klingt beinahe naturwissenschaftlich, als handle es sich um eine Materialeigenschaft. Tatsächlich vergisst das Internet fortwährend: Links verschwinden, Websites werden abgeschaltet, Datenbanken überschrieben und Algorithmen verändern die Reihenfolge von Ergebnissen. Was wir als Gedächtnis wahrnehmen, ist eine Mischung aus Archivierung, Indexierung, Popularität, Optimierung, Zitierhäufigkeit und Entscheidungen von Plattformen.

Der Unterschied ist wesentlich. Ein Artikel kann als Dokument seiner Zeit im Zeitungsarchiv verbleiben, ohne zugleich zur ersten Antwort auf jede Suche nach einer Privatperson zu werden. Einen historischen Text zu bewahren ist nicht dasselbe, wie ihn dauerhaft an eine digitale Identität zu heften. Ein Archiv beantwortet die Frage: „Was wurde damals geschrieben?“ Eine Namenssuche beantwortet eine andere: „Wer ist dieser Mensch heute?“

Die digitale Umgebung beseitigt außerdem die natürliche Reibung, die Erinnerung früher besaß. Einen Zeitungsausschnitt musste man in einem Archiv finden, das Datum kennen und wissen, wonach man suchte. Heute genügen ein Name und wenige Sekunden. Die Information ist nicht wahrer geworden; lediglich die Kosten ihres Auffindens sind dramatisch gesunken. Eine veränderte Zugänglichkeit verändert deshalb auch ihre gesellschaftliche Wirkung, obwohl der Inhalt des Artikels derselbe bleibt.

Hinzu kommt ein Zusammenbruch der Zeit. Die Schlagzeile aus dem Jahr der Anklage, die Meldung über das Urteil und der spätere Freispruch werden auf dem Bildschirm nicht wie Kapitel einer Gerichtsakte geordnet. Sie konkurrieren nach den Regeln der Suchmaschine um eine Position. Ein älterer, häufiger geteilter und emotionalerer Text kann eine präzisere Aktualisierung verdrängen. Die Chronologie des Falls verwandelt sich dann in eine Rangliste der Aufmerksamkeit – und der erste Platz wird fälschlich als wichtigste Wahrheit gelesen.

Der Gerichtshof der Europäischen Union hat diesen Unterschied erkannt. Bei alten Seiten über ein Strafverfahren, die eine frühere Phase wiedergeben und dem heutigen Stand nicht mehr entsprechen, muss ein Suchmaschinenbetreiber unter anderem die Schwere der Sache, den Ausgang des Verfahrens, die verstrichene Zeit, die Rolle der Person im öffentlichen Leben, das gegenwärtige öffentliche Interesse, die Form der Veröffentlichung und ihre Folgen berücksichtigen. Und selbst wenn er den Link nicht entfernt, muss er die Ergebnisse so ordnen, dass das Gesamtbild den aktuellen rechtlichen Stand widerspiegelt.[3]

Die größte Macht einer alten Meldung liegt nicht darin, dass sie existiert. Sie liegt darin, dass sie sich ohne Kontext als aktuelles Profil eines Menschen ausgibt. Jiný Kontext

Das ist der erste grundlegende Perspektivwechsel. Der Streit muss nicht zwischen zwei Extremen geführt werden – vollständiger Löschung und ewiger öffentlicher Zugänglichkeit in der stärkstmöglichen Form. Dazwischen liegen Aktualisierung, Ergänzung des Verfahrensausgangs, Änderung der Reihenfolge, Beschränkung der Namenssuche, Deindexierung und Anonymisierung. Jedes Werkzeug schützt etwas anderes und greift unterschiedlich stark in das öffentliche Gedächtnis ein.

Psychologie der InformationDie Anklage ist eine Geschichte. Die Korrektur wird oft zur Fußnote.

Die erste Meldung bietet Handlung, Konflikt und einen konkreten Verdächtigen. Ein späterer Freispruch kommt häufig Monate oder Jahre später und wirkt weniger dramatisch: Berufungsgericht, Verfahrensgrund, unzureichende Beweise, aufgehobener Urteilsspruch. Die Öffentlichkeit liest die Gerichtsakte nicht noch einmal von vorne. Sie ergänzt lediglich ein neues Detail in ein Modell, das sie bereits geschaffen hat.

Die psychologische Forschung kennt den sogenannten anhaltenden Einfluss von Fehlinformationen: Eine ursprüngliche Information kann das Urteil selbst nach ihrer Korrektur weiter beeinflussen. Eine Metaanalyse von zweiunddreißig Studien mit insgesamt 6.527 Teilnehmenden stellte fest, dass Korrekturen den ursprünglichen Einfluss im Durchschnitt nicht vollständig beseitigten. Erfolgreicher waren sie, wenn sie kohärent waren, von der Quelle der ursprünglichen Behauptung kamen und eine verständliche Alternative boten; weniger wirksam waren sie nach Wiederholung oder mit großem zeitlichem Abstand.[4]

Eine alte Meldung über eine Anklage muss dabei keine Fehlinformation gewesen sein: Zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung kann sie den damaligen Verfahrensstand korrekt beschrieben haben. Das Problem entsteht, wenn ein Leser aus dem wahren Wort „angeklagt“ das falsche „schuldig“ ableitet oder wenn eine längst überholte Phase ohne Aktualisierung als Beschreibung der Gegenwart verwendet wird. Der psychologische Mechanismus erklärt deshalb nicht die Existenz des Archivs, sondern die Widerstandskraft eines falschen Schlusses, der sich um dieses Archiv gebildet haben kann.

Diese Metaanalyse untersuchte nicht speziell den Ruf freigesprochener Angeklagter, und aus ihr lässt sich nicht berechnen, wie viele berufliche Chancen ein Mensch wegen einer alten Schlagzeile verliert. Sie bietet jedoch einen plausiblen Mechanismus: „Die Meldung wurde später korrigiert“ ist nicht dasselbe wie „Der ursprüngliche Eindruck ist verschwunden“.

Der Vorsprung der ersten Geschichte Das Prozessdiagramm zeigt, wie eine Anklage Schlagzeile, Teilen und schnelles Urteil durchläuft, während die spätere Korrektur in eine bereits entstandene Geschichte eintritt. REDAKTIONELLE ILLUSTRATION Die erste Geschichte erhält einen Vorsprung Das Schema beschreibt einen Mechanismus; es ist kein Diagramm der gemessenen Stärke einzelner Schritte. SCHRITT 1 Anklage Neuigkeit, Konflikt, Name SCHRITT 2 Starke Schlagzeile Emotion und Verkürzung SCHRITT 3 Indexierung Auffinden, Teilen, Kopien SCHRITT 4 Schnelles Urteil SPÄTERES ERGEBNIS Freispruch, Korrektur, Tilgung weniger Neuigkeitswert, häufig geringere Reichweite und zeitlicher Abstand die Korrektur tritt in einen bereits geschaffenen Deutungsrahmen ein
Grafik 02 Warum ein späteres rechtliches Ergebnis den ersten öffentlichen Eindruck nicht automatisch überschreibt. Redaktionelle Illustration, kein quantitatives Modell.

DatenDie zweite Strafe spricht kein Gericht aus. Sie entsteht aus vielen kleinen Entscheidungen.

Gesellschaftliche Bestrafung nimmt gewöhnlich nicht die Form eines großen öffentlichen Urteils an. Sie entsteht stückweise: ein unbeantworteter Lebenslauf, ein aufgehobener Mietvertrag, eine beendete Bekanntschaft, Flurfunk am Arbeitsplatz, eine Elterngruppe, die „nur kein Risiko eingehen will“. Jeder einzelne Mensch kann seine Entscheidung für vernünftige Vorsicht halten. Die Summe dieser Entscheidungen erzeugt jedoch eine Sanktion, deren Dauer kein Gericht festgelegt hat.

In einem Feldexperiment in Schweden wurden Arbeitgebern paarweise fiktive Bewerbungen geschickt, die sich durch die Angabe einer früheren Verurteilung wegen Körperverletzung und die Ableistung gemeinnütziger Arbeit unterschieden. Die frühere Strafsache senkte je nach Beruf die Wahrscheinlichkeit einer positiven Antwort um sieben bis achtzehn Prozentpunkte. Der Effekt zeigte sich nicht in allen neun untersuchten Berufen – und das ist ebenso wichtig wie seine Existenz: Stigmatisierung ist kein einheitlicher Automatismus, sondern hängt von der Art der Arbeit und vom Kontext ab.[5]

Eine US-amerikanische Studie zur Tilgung von Verurteilungen in Michigan ergänzt einen anderen Teil des Bildes. Innerhalb von fünf Jahren nach Entstehung des Rechtsanspruchs erreichten nur 6,5 Prozent der Berechtigten eine Tilgung. Bei denjenigen, die sie erhielten, stiegen die Löhne im folgenden Jahr gegenüber ihrer vorherigen Entwicklung im Durchschnitt um mehr als 22 Prozent; einen wesentlichen Teil der Veränderung bildete der Übergang aus Arbeitslosigkeit oder sehr geringer Erwerbsbeteiligung in stabilere Beschäftigung.[6]

Auch hier wäre die Behauptung unredlich, die Tilgung allein habe den gesamten Anstieg verursacht. Menschen, die ein kompliziertes Verfahren erfolgreich abschließen, können sich in Motivation, Unterstützung und Lebenslage von jenen unterscheiden, die keinen Antrag stellen. Außerdem stammt das Ergebnis aus einem einzigen US-Bundesstaat und nicht aus der Tschechischen Republik. Die Daten zeigen jedoch überzeugend zweierlei: Ein Rechtsanspruch allein genügt nicht, und eine veränderte Sichtbarkeit der Vergangenheit kann mit einer sehr konkreten wirtschaftlichen Veränderung verbunden sein.

Ein Arbeitgeber muss dabei nicht aus Bosheit handeln. Er kann das Gefühl haben, lediglich ein Risiko zu senken: Er kennt den Bewerber nicht, hat wenig Zeit, und die alte Strafgeschichte bietet ihm ein leicht verfügbares Signal. Dieses Signal kann jedoch veraltet, beruflich irrelevant oder die Momentaufnahme eines Verfahrens sein, das anders endete. Rationale Vorsicht auf der Ebene einer einzelnen Entscheidung kann sich so zu einer systematischen Barriere auf gesellschaftlicher Ebene verwandeln.

Hier entsteht eine Rückkopplung. Ein Mensch erhält schwerer stabile Arbeit und Wohnraum und hat deshalb weniger Gelegenheiten, Zuverlässigkeit zu beweisen. Das Fehlen einer neuen vertrauenswürdigen Geschichte führt dazu, dass das alte Ereignis seine sichtbarste öffentliche Information bleibt. Die Vergangenheit hält sich nicht nur dadurch, dass das Internet sie archiviert, sondern auch dadurch, dass sie die Entstehung einer konkurrierenden Gegenwart begrenzt. Das ist weder ein sicherer Weg zur Rückfälligkeit noch eine Entschuldigung für weiteres rechtswidriges Handeln. Es ist ein Mechanismus, durch den ein Reputationsstigma die Bedingungen seiner eigenen Fortdauer verlängern kann.

Rechtliche Möglichkeit und tatsächliche Nutzung der Tilgung Das Diagramm zeigt, dass innerhalb von fünf Jahren 6,5 Prozent der Berechtigten eine Tilgung erhielten und dass die Löhne der Begünstigten gegenüber ihrer vorherigen Entwicklung um mehr als 22 Prozent stiegen. REALE DATEN · MICHIGAN, USA Ein Recht auf dem Papier ist nicht dasselbe wie ein Neuanfang Prescott & Starr, landesweite Studie für Michigan, 2020. 6,5 % erhielten eine Tilgung innerhalb von fünf Jahren LÜCKE ZWISCHEN ANSPRUCH UND NUTZUNG BEI ERFOLGREICHEN BEGÜNSTIGTEN > 22 % durchschnittlicher Lohnanstieg innerhalb eines Jahres gegenüber der vorherigen Lohnentwicklung INDEX: VORHERIGE ENTWICKLUNG = 100 Erwartung nach vorheriger Entwicklung 100 Durchschnittlicher Stand innerhalb eines Jahres nach der Tilgung > 122 Einschränkung: Michigan ist nicht Tschechien; das Ergebnis bei Begünstigten kann durch die Auswahl der Antragsteller und weitere Veränderungen beeinflusst sein. Die Studie ist keine universelle kausale Schätzung.
Grafik 03 Reale Daten aus der Studie im US-Bundesstaat Michigan; der rechte Teil verwendet einen Index, bei dem die vorherige Entwicklung = 100 gesetzt ist. Die Werte lassen sich nicht mechanisch auf die Tschechische Republik übertragen.

Recht und Technologie„Löschen oder stehen lassen“ ist die falsch gestellte Frage

Die Datenschutz-Grundverordnung gewährt unter bestimmten Voraussetzungen ein Recht auf Löschung, enthält aber zugleich Ausnahmen – unter anderem für Meinungs- und Informationsfreiheit, rechtliche Verpflichtungen, öffentliches Interesse, Archivzwecke und Rechtsansprüche. Daten über strafrechtliche Verurteilungen unterliegen zudem einem besonderen Regime. Das tschechische Gesetz erlaubt ihre Verarbeitung zu journalistischen Zwecken, wenn sie diesen in verhältnismäßiger Weise dient; dabei ist auch die Sensibilität von Angaben zu Verurteilungen zu berücksichtigen.[7]

Es gibt also keinen Knopf, der nach Verbüßung einer Strafe die Vergangenheit automatisch aus den Medien löscht. Ebenso gibt es aber keine allgemeine Regel, nach der alles einmal Veröffentlichte für immer anhand des vollständigen Namens und ohne Ergänzung des Verfahrensausgangs auffindbar bleiben muss.

Auch der populäre Ausdruck „Recht auf Vergessenwerden“ ist deshalb irreführend. Häufig geht es nicht um einen Anspruch, ein Ereignis aus der gemeinsamen Geschichte zu löschen, sondern um die Beschränkung einer konkreten Verknüpfung zwischen einem Namen und einem Suchergebnis. Der Ausgangsartikel kann nach Thema, Datum oder im Archiv zugänglich bleiben; er hört lediglich auf, als automatische persönliche Visitenkarte zu fungieren. Das Recht versucht hier nicht, Vergessen anzuordnen. Es versucht, die Infrastruktur des Erinnerns zu regulieren.

Erinnerung ist nicht binär Fünf Eingriffsstufen von der Ergänzung des aktuellen Ergebnisses bis zur vollständigen Löschung. SPEKTRUM DER ABHILFE Erinnerung ist kein Schalter Unterschiedliche Instrumente bewahren jeweils einen anderen Teil des öffentlichen Datensatzes. 01 · ERGÄNZEN Sichtbares Ergebnis Der ursprüngliche Text bleibt bestehen. Freispruch, Aufhebung oder Tilgung werden ergänzt. GERINGSTER EINGRIFF 02 · NEU ORDNEN Der aktuelle Stand hat Vorrang Alte Links bleiben bestehen, der Verfahrensausgang steht in der Suche jedoch weiter vorn. 03 · DEINDEXIEREN Von der Namenssuche trennen Der Ausgangsartikel bleibt bestehen. Der konkrete Link erscheint jedoch nicht bei einer Suche nach dem Namen. 04 · ANONYMISIEREN Die Geschichte ohne vollständige Identität Der historische Inhalt bleibt bestehen, der Name ist jedoch nicht mehr seine wichtigste öffentliche Adresse. 05 · LÖSCHEN Den Inhalt selbst entfernen Stärkster Eingriff. Vor allem dort angemessen, wo der Inhalt keine rechtliche Grundlage hat oder unwahr ist. STÄRKSTER EINGRIFF mehr erhaltene Zugänglichkeit weniger erhaltene Zugänglichkeit Die konkrete rechtliche Lösung hängt stets von den Umständen ab; das Schema ist keine automatische Rangfolge einklagbarer Ansprüche.
Grafik 04 Von der Aktualisierung bis zur Löschung: fünf unterschiedliche Eingriffe, die in der gewöhnlichen Debatte häufig miteinander verwechselt werden. Vereinfachtes Modell.

GegenbelegZwei europäische Urteile, zwei entgegengesetzte Ergebnisse

Gäbe es eine einfache europäische Regel „Nach einigen Jahren anonymisieren“, hätten zwei bedeutende Fälle gleich ausgehen müssen. Das taten sie nicht.

EGMR · M. L. und W. W. gegen Deutschland · 2018

Das Archiv blieb mit den Namen bestehen

Zwei wegen eines bekannten Mordes verurteilte Männer wollten alte Medienberichte anonymisieren lassen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellte keine Verletzung der Privatsphäre fest. Bedeutung hatten die Schwere und öffentliche Bekanntheit des Falls, die historische Funktion von Archiven und die Tatsache, dass die Männer selbst erneut an die Medien herangetreten waren. [8]

Quellen und Literatur

Quellen zur Vertiefung

  1. Oberster Gerichtshof der Tschechischen Republik: Entschädigung für die Bezeichnung „Schwester Tod“, Pressemitteilung, 2023

    Tschechisches Beispiel für die Folgen der medialen Rahmung eines laufenden Strafverfahrens und einer Verletzung der Unschuldsvermutung; der Oberste Gerichtshof bestätigte gegenüber einem Verlag eine Entschädigung für immateriellen Schaden in Höhe von 700.000 CZK.

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