Medien, Wissenschaft & kritisches Denken
Eine Geschichte hat ein Gesicht, einen Anfang und eine Folge. Statistiken wirken kälter, weshalb ein konkretes Schicksal Tausende unsichtbare Fälle überlagern kann. Die Lösung besteht jedoch nicht darin, Geschichten zu verbieten. Es muss genau benannt werden, welche Frage sie beantworten können und welche nicht.
1. Was sich belegen lässt
Fallberichte und Fallserien haben keine Kontrollgruppe und können Häufigkeit oder Behandlungseffekt in der Regel nicht zuverlässig schätzen. Sie können jedoch auf ein ungewöhnliches oder neues Phänomen hinweisen und eine Hypothese für weitere Forschung hervorbringen.[1]
Evidenzhierarchien unterscheiden sich je nach Fragestellung. Für den kausalen Effekt einer Intervention braucht es einen Vergleich, während qualitative Forschung Erfahrungen, Bedeutungen und Prozesse systematisch untersuchen kann, die ein einfacher Durchschnitt nicht erfasst.[2]
Die Forschung zu identifizierbaren Opfern zeigt, dass eine konkrete Person eine andere Reaktion auslösen kann als eine statistische Beschreibung. Die psychologische Wirkung einer Geschichte bestätigt jedoch für sich genommen nicht deren Repräsentativität.[3]
2. Wie die Behauptung im Kontext zu lesen ist
Der Fehler entsteht beim Wechsel des Maßstabs: Aus „diesem Menschen ist das passiert“ wird ohne Zwischenschritt „so ergeht es Menschen im Allgemeinen“. Dafür brauchen wir einen Nenner, eine Vergleichsgruppe und die Kontrolle anderer Erklärungen.
Eine Geschichte kann zu Recht zeigen, dass ein systemischer Durchschnitt jemanden übersieht, oder einen Mechanismus beschreiben, der getestet werden sollte. Ihre Stärke liegt im Entdecken und Erklären, nicht automatisch in der Bestimmung von Häufigkeiten.
Guter Journalismus verbindet deshalb menschliche Erfahrung mit Daten und legt offen, wie der Fall ausgewählt wurde. Leser können dann die Bedeutung eines Ereignisses nachempfinden, ohne eine einzelne Person mit der Bevölkerung zu verwechseln.
- Ein einzelner Fall belegt, dass das betreffende Ereignis eingetreten ist.
- Ohne Vergleich bestimmt er in der Regel weder Häufigkeit noch Ursache.
- Fallberichte und qualitative Forschung haben legitime, aber unterschiedliche Rollen.
- Die Repräsentativität der Geschichte ohne Kenntnis der Auswahl und Grundgesamtheit.
- Einen Kausalmechanismus allein aus der zeitlichen Abfolge eines einzelnen Falls.
- Wie stark Emotionen das Urteil eines bestimmten Lesers verzerrt haben.
3. Fünf Kontrollfragen
- Welche genaue Frage soll die Geschichte beantworten?
- Wie wurde der Fall ausgewählt?
- Kennen wir die Zahl ähnlicher und gegenteiliger Fälle?
- Gibt es eine Vergleichsgruppe oder eine alternative Erklärung?
- Ist die Geschichte eine Illustration von Daten, eine Quelle für eine Hypothese oder wird sie als allgemeiner Beleg ausgegeben?
4. Fazit
Eine Geschichte ist nicht das Gegenteil von Evidenz. Sie ist eine bestimmte Art von Information. Sie kann die Existenz einer Erfahrung bestätigen und eine Frage eröffnen; Häufigkeit und Ursache müssen meist durch breitere und systematischere Daten belegt werden.
— Jiný Kontext
